Dr. Robert Fleck

zu den Arbeiten von Julia Rothmund, veröffentlicht im Katalog zur Einzelausstellung Serie Beelitz (2011/12)


Der leere Raum und die Zeit

Auf den ersten Blick nimmt man eine intensive Leere wahr. Die Räume von Julia Rothmund weisen keine Gegenstände auf. Keine Gebrauchsspuren weisen auf vergangene oder künftige Nutzung und mögliche Funktionen hin. Die hintergründig leuchtende Farbigkeit aus dutzenden Lasurschichten verwandelt die Räume in einen Zustand außerhalb der Zeit. Sie lassen sich nicht verorten, weder räumlich noch historisch. Man sieht konzentrierte Gefäße, in denen Raum als solcher, das heißt Leere zum Ausdruck kommt.

Es bestehen mannigfache Beziehungen zwischen den Gemälden von Julia Rothmund und der berühmten Ausstellung „Le Vide“ (Die Leere) von Yves Klein. Diese hatte 1958 in Paris ja nicht einfach eine leere Galerie ausgestellt. Sondern er hatte die Galerie Iris Clert zuvor mit einer intensiven weißen Bemalung in einen makellosen Zustand versetzt, sodass den Besuchern von Ausstellung und Vernissage gleichfalls die räumlichen Orientierungsmöglichkeiten fehlten und sie die Leere als körperliche Präsenz erlebten. Im Gegensatz zu Yves Klein wählt Julia Rothmund bewusst das Leinwandbild und nicht den realen Raum. Durch das Mittel der malerischen Darstellung lassen sich über die Geste des Nullpunkts und über die Mystik bei Yves Klein hinausgehend Differenzierungen einführen, die den Ausdruck der Leere jeweils unterschiedlich ausbilden. Er entsteht im Dialog zwischen den auf jedem Bild anders eingesetzten, durch die Schichtung der Lasuren erarbeiteten Farbtönen einerseits, mit der jeweiligen räumlichen Anordnung und dem immer anders ausgebildeten Widerstreit von Außenlicht und Farblicht andererseits. In diesem Sinn erlaubt die Malerei einerseits eine Differenzierung und andererseits ein gezieltes Weiterarbeiten an den Mitteln der Malerei, welche über die performative Geste von Yves Klein hinausgehen, wie bedeutend diese auch in kunsthistorischer Hinsicht bleibt.

Auf den zweiten Blick erweisen sich die Bilder von Julia Rothmund nicht als Darstellungen von Leere als bloßes Vakuum, sondern als in besonderer Weise gefüllt. Die Präsenz des Lichts ist ein wesentlicher Inhalt dieser Bilder. Wir haben bereits den Dialog von Fremdlicht und Farblicht erwähnt, der diese Gemälde wesentlich trägt. Auf jedem Bild wird das Zusammenfließen und Gegeneinanderwirken des durch die Fenster der Räume einströmenden Außenlichts auf der einen Seite und des von den farbigen Lasuren ausgehenden Bildlichts auf der anderen Seite unterschiedlich neu erarbeitet. In dieser Hinsicht geht es Julia Rothmund wesentlich um eine von narrativen Aspekten losgelöste Darstellung des Lichts und damit der Zeit. Die Dimension der Zeit fließt in diese Bilder auch durch den monatelangen Arbeitsprozess ein, in dem unzählige Lasurschichten in horizontaler Lagerung der Leinwand jeweils erst trocknen müssen, bevor eine darüber gelegte, weitere Lasurschicht das von dieser differenzierten Farbigkeit erzeugte Bildlicht nochmals fast unmerklich modifiziert. Sowohl der serielle Charakter der Malerei von Julia Rothmund, das Arbeiten in Bilderreihen, ist in diesem monatelangen Arbeitsprozess angelegt als auch das Bestreben nach einer immer weitergehenden Differenzierung von Licht und Zeit.

In dritter Hinsicht sind diese Räume sehr konkret. Man spürt als Betrachter, dass sie nicht konstruktiv entworfen und auch nicht einfach erdacht sind, sondern dass diese Bilder auf der Wiedergabe existierender Räume beruhen. Die Gemälde sind durchaus in der Realität verankert. In dieser Hinsicht ist es sehr interessant, den Arbeitsprozess von Julia Rothmund zu erläutern. Den Ausgangspunkt für die Gemälde bilden ausführliche Besuche in Gebäuden, die sie aus historischen und emotionalen, durchaus in der eigenen Biographie verankerten Gründen interessieren. Bei der Illenau handelt es sich um eine ehemalige psychiatrische Heilanstalt, während die Bilder der Beelitz-Serie Räume einer einstigen Lungenheilanstalt zeigen. In mehrtägiger Arbeit entstehen vor Ort mit der Kamera detailreiche Fotografien, die den Zustand dieser ungenützten Räume und Raumfluchten bis in die kleinste Einzelheit festhalten, ebenso wie den Dialog von Außenlicht und Dunkelheit im Raum, der durchaus der Ausgangspunkt für die spätere Darstellung des Lichts auf der im Gemälde sehr konkret wiedergegebenen Raumsituation bildet. Das fotografische Ergebnis wird anschließend auf dem Computer bearbeitet, wobei die Künstlerin alle Details, die Spuren früherer Benutzung und alle Objektfragmente aus den fotografierten Räumen entfernt. Die Gemälde entstammen also einer Verbindung von analogen und digitalen Verfahren, wie sie von vielen wichtigen Künstlern seit einigen Jahren jeweils unterschiedlich verwendet wird und die sicherlich die wesentliche Neuerung in der Kunst seit der Jahrhundertwende darstellt. Die Gemälde von Julia Rothmund verknüpfen klassische Malerei, die in diesem Fall zudem Farbtechniken des 16. und 17. Jahrhunderts aufgreift, und computerbearbeitete Fotografie gleichwohl nicht auf mechanische Weise. Jedes Bild wird mit der Computerfotovorlage als Anregung, Ausgangspunkt und Korrektiv im monatelangen Arbeitsprozess sehr intuitiv angelegt und zu Ende geführt.

Hierin wie bei der Benennung der beiden Orte, die die Gemälde von Julia Rothmund aus den letzten Jahren wiedergeben, wird der subjektive, sehr persönliche Charakter dieser scheinbar ganz sachlichen Malerei deutlich. Es handelt sich um Orte, die in der Biographie der Künstlerin eine gewisse Rolle spielen und an denen sich der Umbruch von scheinbarer Normalität zur Implosion des Lebens einmal ereignet hat. Julia Rothmund studiert diese Orte sehr genau, legt ihre künstlerische Arbeit dann aber nicht als eine Arbeit über diese Orte und ihre Geschichte an, sondern verwendet sie als Material für die malerische Suche nach neuen Darstellungsformen von Raum und Zeit, Leere und Fülle, Farbe und Licht.

BIOGRAFIEBiografie.html
TEXTETexte.html
KONTAKTKontakt.html
JULIA ROTHMUNDhome.html
MALEREIbilder_2012_II.html